Auswertungen abgeschlossener Kometensichtbarkeiten

9P/Tempel

2005


Der Frühjahrskomet 9P/Tempel wurde, in Vorbereitung zur Sonde "Deep Impact", seit Anfang März visuell beobachtet. Bis Anfang September sind 24 Beobachtungen von 8 FGK-Beobachtern eingegangen. Zusammen mit 265 internationalen Schätzungen kann die Helligkeitsentwicklung gut mit der Formel

m = 6.2m + 5×log D + 25×log r

beschrieben werden. Die Maximalhelligkeit ergibt sich damit zu 10.3m während des Juni, was eine Größenklasse unter den Prognosen liegt.

Nicht nur die Helligkeit nahm in den ersten vier Monaten merklich von 13.5m auf 10.5m zu. Auch der Komadurchmesser hat sich seit dem Sichtbarkeitsbeginn deutlich vergrößert. Lag er zu Beginn (Anfang März) bei 0.7', so stieg er bis Anfang Juni auf den maximalen Wert von 5' an, der möglicherweise einige Wochen beibehalten wurde. Infolge der seit Ende April stetig diffuser werdenden Koma und der immer geringer werdenden Horizonthöhen streuen die geschätzten Komadurchmesser ab Mai allerdings in immer stärkerem Umfang. Der absolute Komadurchmesser vergrößerte sich von 35.000 km zu Sichtbarkeitsbeginn auf 125.000 km Mitte Mai und schließlich 175.000 km im Juni/Juli. Der Koma-Kondensationgrad lag zu Beginn bei DC 3-4, stieg dann bis Ende April auf DC 5 an, um danach bis Ende Juli stetig auf DC 2-3 zurückzugehen. Dabei war die Koma in den ersten Wochen der Sichtbarkeit eher fächerförmig (nach Westen) ausgeprägt, mit dem auffälligen false nucleus nahe des Ostrandes. Im Verlauf des Mai verlor der Komet dann diese Ausprägung, der false nucleus wurde unauffälliger. Visuelle Schweifsichtungen wurden nicht bekannt.

Scheinbare Helligkeit und Komadurchmesser

Radiobeobachtungen vom 14. April ergaben eine OH-Produktionsrate von 4×1027 Moleküle/s (IAUC 8512). Beobachtungen eines Forscherteams (mit u.a. H. Böhnhardt) ergaben einen Anstieg der Staubproduktion gemäß r-6.71, wobei der Anstieg zwischen Mitte Februar und Ende März, als erstmals fächerförmige Strukturen innerhalb der Koma auftauchten, etwas stärker ausfiel. Ab April konnten vier lineare Jet-Strukturen bei konstanten Positionswinkeln ausgemacht werden, die auf mindestens zwei Aktivitätsgebiete auf der Südhemisphäre hinwiesen. Am 14. April konnte neben der Staubkomponente CN- und C3-Emission beobachtet werden, mit Produktionsraten von 2.26×1025 bzw. 1.32×1024 Molekülen/s (IAUC 8532). Radiobeobachtungen vom 4. Mai wiesen HCN nach. Die Gasproduktionsrate zeigte Schwankungen mit einer Periode von 1.7 Tagen (was mit der geschätzten Rotationszeit des Kerns übereinstimmt) zwischen 5 und 10×1024 Moleküle/s (IAUC 8538). Im R-Band zeigte sich am 23. Februar und 25. März ein auffälliger, geradliniger Jet in PW=220° bzw. 215° (IAUC 8539). Schmalband-Photometrie von D.Schleicher und K.Barnes ergab am 9. Juni die folgenden Produktionsraten (Moleküle/s): OH: 6.21027, H2O: 6.81027, Staub (Af): 125. Damit lag die Wasserproduktionsrate um das 2.4-fache, die CN-Produktionsrate um das 2.0-fache und die Staubproduktionsrate um das 1.3-fache unter den Werten der Sichtbarkeit 1983. Die Werte des Jahres 1994 lagen etwa zwischen denen des Jahre 1983 und des Jahres 2005, was möglicherweise auf eine langfristige Verringerung der Aktivität des Kometen (aufgrund der Erschöpfung oder Verkrustung eines Hauptaktivitätsgebietes) hindeutet (IAUC 8546). Beobachtungen mit dem Submillimeter Wave Astronomical Satellite (SWAS) zwischen dem 5. und 15. Juni ergaben eine Wasserproduktionsrate von (1.10.1)1028 Moleküle/s (IAUC 8550). Aus 2.000 photometrischen CCD-Beobachtungen ermittelte Mark Kidger eine Helligkeitsschwankung mit einer Periode von 4.400.05 Tagen, die wohl von einer Präzessionsbewegung verursacht wird (IAUC 8558).

Mit großer Spannung war der Aufprall des Projektils der Deep Space Sonde auf dem Kometen 9P/Tempel erwartet worden. Das Experiment gelang und lieferte hochinteressante Ergebnisse. Der Kamera auf der Einschlagsonde gelangen beim Anflug spektakuläre Aufnahmen bis 3 Sekunden vor dem Aufprall, welche eine kraterübersäte Oberfläche zeigen. Der Aufprall selbst erfolgte zum Zeitpunkt Juli 4.244 UT (5:52 UT). Die Muttersonde konnte den Einschlag als grellen Blitz beobachten und danach die sich ausbreitende, überraschend große Wolke aus Auswurfsmaterial sowie durch die Erschütterung aufgewirbelten Oberflächenstaubes beobachten und analysieren. Irdische Beobachter waren hingegen vielfach enttäuscht, denn der Einschlag änderte die Gesamthelligkeit nicht erkennbar. Viele sahen den Kometen zum Zeitpunkt des Aufpralls überhaupt nicht mehr (da er sehr diffus und aufgrund seiner geringen Horizonthöhen ein schwieriges Objekt war). Diejenigen, die ihn zu der Zeit noch beobachten konnten, bemerkten lediglich, daß der Koma-Kondensationsgrad zugenommen hatte bzw. eine innere Koma unterschieden werden konnte. Lediglich wenige Stunden nach dem Aufprall konnten Amateure mit großen Instrumenten eine Zunahme der Helligkeit des innersten Bereichs von etwa 1-2m feststellen und dokumentieren.

Der Aufprall wurde auch von der Rosetta-Sonde der ESA beobachtet. Diese stellte in den ersten 30 Minuten eine Helligkeitssteigerung des zentralen Pixels (1.500 km) um das 7-fache fest, welche mindestens 8 Stunden andauerte. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Einschlagswolke betrug 200-250 m/s in den ersten 8 Stunden (IAUC 8561). Irdische Beobachter stellten im R-Band nach dem Einschlag eine rasche Helligkeitssteigerung des beugungsbegrenzten false nucleus um bis zu 1.5m fest, der etwa 15 Minuten später abflachte und 70 Minuten später (Ende der Beobachtung) ein Plateau erreichte. Photometrische Beobachtungen im visuellen Bereich zeigten hingegen keine Helligkeitssteigerung (IAUC 8558/72). Infrarotbeobachtungen mit dem Spitzer-Teleskop zeigten einen deutlichen Anstieg der Kontinuum-Strahlung um 25% innerhalb von 10" um den Kern in den ersten zwei Stunden nach dem Einschlag. Spektroskopisch konnten bis mindestens 41 Stunden nach dem Einschlag die folgenden Verbindungen nachgewiesen werden: kristalline Olivine und Pyroxene, amorphe Silikatverbindungen, polyaromatische Hydrocarbone (PAHs) (im Vergleich zu den Silikaten aber nur in geringen Mengen), Wassereis, Wasserdampf, Kohlenstoffverbindungen, Kohlendioxid und möglicherweise kristalline Aluminiumoxide. 121 Stunden nach dem Einschlag waren keine spektroskopischen Auffälligkeiten mehr feststellbar (IAUC 8571). Die Rotationsdauer des Kerns wurde von der Deep Impact Sonde zu 40.7 Stunden bestimmt.

Für Uwe Pilz war der Komet am 1./2.4. erstaunlich hell, aber kaum kondensiert. Gemäß Dieter Schubert zeigte der Komet am 2./3.4. eine lichtschwache, runde, nahezu gleichhelle Koma, war aber insgesamt relativ gut zu erkennen. Heinz Kerner vermutete bei 100x einen 13m hellen sternförmigen false nucleus. Andreas Kammerer beobachtete den Kometen am 9./10.4. als schwaches, aber sofort auffallendes, kleines Objekt; nahe dem Ostrand der mäßig verdichteten Koma saß ein auffälliger, 13.5m heller stellarer false nucleus; der westliche Komabereich erschien sehr diffus und fächerförmig aufgeweitet.

Andreas Kammerer beschrieb den Kometen am Abend des 1.5. als deutlich heller; in der weiterhin kompakten inneren Koma befand sich ein 13.5m heller stellarer false nucleus, der nach ONO versetzt war; der westliche Teil der Koma erschien fächerförmig. Am 9.5. erschien ihm die Koma erkennbar größer, wobei der Komet aber nicht heller oder gar deutlicher erkennbar war; mit 242x schätzte er die Helligkeit des stellaren false nucleus auf 13.0m. Am 11.5. erschien ihm die Koma rund und die nicht mehr so auffällige zentrale Verdichtung mittig positioniert; bei 242x schätzte er die Helligkeit des stellaren false nucleus auf 13.0-13.5m. Gemäß Maik Meyer zeigte der Komet eine leichte Kontrastverstärkung beim Einsatz eines Lumicon Swan Band Filters. Bei Volker Kasten störte am 25.5. leichte Cirrusbewölkung die Beobachtung. Gemäß Andreas Kammerer war der innere Komabereich am 27.5. nicht mehr so auffällig, die äußere Koma sehr diffus; bei 242x zeigte sich der stellare false nucleus 13.0m hell. Walter Kutschera beschrieb den Kometen am gleichen Abend als mäßig kondensiertes, diffuses Objekt. Laut Dieter Schubert zeigte der Komet seit seiner letzten Beobachtung Anfang April keine sonderliche Veränderung; die Koma war etwas heller aber weiterhin sehr diffus, mit leichter Helligkeitszunahme zur Mitte hin. Am 31.5. beobachtete Andreas Kammerer den Kometen nur 12' südöstlich von delta Vir; bei 242x schätzte er den stellaren false nucleus auf 13.5m.

Am 9.6. störten evtl. leichte Cirren seine Beobachtung; bei 242x schätzte er die Helligkeit des stellaren false nucleus auf 14.0m. Uwe Pilz konnte den Kometen am Abend des 2.7. gerade so eben erkennen. Am 3.7. war der Komet auch für Andreas Kammerer ein schwieriges Objekt; er hob sich als kleine matte Wolke nur so eben vom etwas aufgehellten Himmelshintergrund ab. Am Abend des 5.7. (nach dem Einschlag) beschreibt er ihn erneut als schwieriges Objekt; allerdings erschien er ihm verdichteter als vor zwei Tagen, wobei er aber nicht sicher war, ob er eventuell nur die innere Koma erkannt hatte.

Andreas Kammerer

FG-Beobachtungen


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